„Keiner schaut komisch, wenn nach acht Jahren noch die Tränen fließen“

Ambulantes Hospiz Neustadt/Weinstraße bietet seit einem Jahr einmal monatlich ein Trauercafé an

Im Trauercafé treffen die Gäste Gleichgesinnte, die sie in ihrer Lebenssituation verstehen. Jedes Mal mit dabei ist Pfarrer Dieter Schnitzbauer-Müller. FOTO: Andrea Schulze

17.12.2008

Neustadt/Weinstraße. „Wenn sich Betroffene treffen, ist das ein Segen“, ist Vera Orth überzeugt. Vor acht Jahren hat sie ihre Tochter durch einen Unfall verloren. „Ich hatte sie morgens noch zur Schule gebracht. Das war das letzte Mal, dass ich sie lebend gesehen habe“, erinnert sie sich. Hilfe hat Vera Orth in verschiedenen Trauergruppen gefunden. Zum Trauercafé des Ambulanten es Neustadt/Weinstraße kommt sie regelmäßig. Seit einem Jahr veranstalten die ehrenamtlichen Mitarbeiter das Trauercafe, an dem jeder teilnehmen darf, der sich angesprochen fühlt. „Man trifft hier Menschen, die gleiche Erfahrungen gemacht haben. Ich brauche mich nicht zu verstellen“, berichtet Helga Maurer, die vor neun Monaten ihren Mann verloren hat. Anfangs hätten ihre Bekannten noch an ihre Trauer gedacht, aber schon wenige Monate nach dem Tod ihres Mannes sei das Leben weitergegangen, als sei nichts geschehen, und sie habe kein Verständnis erfahren, wenn ihr nicht der Sinn nach Weinfesten und anderen Veranstaltungen stand. Sie erzählt wie ihr Mann innerhalb von zwei Tagen plötzlich verstarb, obwohl er noch relativ jung war. „Hier im Trauercafé kann ich über alles reden, meine Tränen sind niemandem unangenehm oder sogar peinlich“, sagt sie. In ihrem früheren Umfeld muss sie dagegen erleben, dass sie mit ihrer Trauer ungelegen kommt, dass die Erinnerung an den Verstorbenen sogar stört. 

Dasselbe hat auch eine Bekannte von Vera Orth erlebt, die heute zum ersten Mal ins Trauercafé gekommen ist. Vor sechs Jahren verlor sie ihre damals 21jährige Tochter, vor wenigen Monaten dann ihren erwachsenen Sohn. Schon das Nennen der Namen der verstorbenen Kinder führe bei einigen Bekannten zu Äußerungen wie „Heute ist es aber kalt draußen.“ Sie will die beiden aber nicht totschweigen, und so spricht sie auch immer davon, dass sie Mutter von vier Kindern ist, von denen zwei leider verstorben sind.
 

An diesem Dienstag sind 17 Gäste, es sind alles Frauen, ins Trauercafé gekommen. „So viele Teilnehmer wie heute hatten wir noch nie, einige sind das erste Mal dabei“, berichtet Helga Günther-Müller. Die ehrenamtliche Mitarbeiterin des Ambulanten es organisiert jedes Mal zusammen mit weiteren Ehrenamtlichen das Trauercafé. Sie bringen den Kuchen mit, kochen Kaffee und Tee und sorgen für eine behagliche Atmosphäre. Darüber hinaus unterhalten sie sich mit den Trauernden. „Wir achten auf die Gäste und kümmern uns besonders um die, die frisch vom Tod eines Angehörigen betroffen sind“, sagt sie. Heute hat sie sich neben eine Frau gesetzt, die vor neun Wochen ihren Mann verloren hat. Er ging zum Holzmachen in den Wald und kehrte nicht zurück. Spaziergänger fanden ihn tot auf dem Weg, er hatte einen Herzinfarkt. „Er stand voll im Leben und war immer gesund. Ich war viel häufiger krank und dann stirbt er so jung“, erzählt sie. „Ich höre einfach zu“, berichtet Helga Günther-Müller. „Das reicht oft schon.“ Wenn Gäste das wünschen, sind auch Einzelgespräche möglich. Die Ehrenamtlichen und Pfarrer Dieter Müller-Schnitzbauer, der an jedem Trauercafé teilnimmt, stehen dafür zur Verfügung. 

„Wir bieten mit dem Trauercafé ganz bewusst ein zwangloses Treffen an, zu dem sich Menschen mit gleichen Erfahrungen treffen und austauschen können“, sagt Hospizfachkraft Kerrin Klatt. Wenn jemand weitergehende oder auch therapeutische Unterstützung braucht, verweisen wir ihn weiter an eine Selbsthilfegruppe oder empfehlen eine Therapie. „Wir helfen den Gästen gerne, ihren Weg zu finden“, ergänzt sie. Und dass das ein lebenslanger Weg ist, daran lassen die vielen Teilnehmerinnen des Trauercafés keinen Zweifel. „Oft sagte man mir, nach einem Jahr geht es dir mit deiner Trauer schon viel besser“, berichtet Vera Orth. Dass das nicht stimmt und nur von Menschen gesagt wird, die noch nicht in einer solchen Situation waren, das bestätigen alle Anwesenden. Und deshalb tut es so gut, sich mit Gleichgesinnten zu treffen: „Man kann über alles reden und keiner schaut komisch, wenn selbst nach acht Jahren noch die Tränen fließen“, sagt Vera Orth.

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