„Wir geben den Kindern einen Werkzeugkasten an die Hand“

Marienhausklinik Kohlhof, Sozialpädiatrisches Zentrum: multimodales Verhaltenstraining für Kinder mit ADHS – große Nachfrage nach den Behandlungsplätzen – Kinder kommen sogar aus Luxemburg

Während des Aufmerksamkeitstrainings hilft die Ergotherapeutin Yvette Ulrich den Kindern weiter, wenn sie Fragen haben.

10.10.2008

Neunkirchen. Die zwei Jungen und zwei Mädchen sitzen an einem Tisch und brüten über Blättern mit Übungsaufgaben. Ganz konzentriert sind sie bei der Arbeit, niemand spricht oder macht irgendwelche anderen Geräusche. Als Alex eine Frage hat, meldet er sich, wartet, bis Yvette Ulrich, die Ergotherapeutin, sich ihm zuwendet und ihn auffordert zu sprechen. Das, was auf den ersten Blick wie eine gut organisierte Hausaufgabenbetreuung wirkt, ist eine Trainingsgruppe im Sozialpädiatrischen Zentrum (SPZ) in der Marienhausklinik Kohlhof in Neunkirchen für Kinder mit Aufmerksamkeits- und Aktivitätsstörungen wie zum Beispiel ADHS, ADS oder ähnlichen Konzentrationsproblemen. Die 11 bis 13 Jahre alten Kinder nehmen an einer zweiwöchigen ambulant-stationären Verhaltenstherapie teil, die ihnen hilft mit den Symptomen zurecht zu kommen.  

Stoffwechselstörung im Gehirn 

Aufmerksamkeits- und Aktivitätsstörungen, umgangssprachlich oft als Hyperaktivität bezeichnet, zählen zu den häufigsten chronischen Erkrankungen im Grundschulalter und betreffen etwa fünf bis zehn Prozent der Kinder dieser Altersgruppe. Jungen sind davon häufiger betroffen als Mädchen. Die Ursachen für ADHS sind noch nicht völlig geklärt. Studien belegen aber, dass dieser Erkrankung eine Stoffwechselstörung im Gehirn zugrunde liegt und auch erbliche Veranlagungen bedeutsam sind. Dadurch wird die Funktion bestimmter Gehirnregionen eingeschränkt, und das führt zur Beeinträchtigung der Aufmerksamkeit, der Konzentrationsfähigkeit und der Handlungskontrolle. Meistens treten die Symptome in verschiedenen Lebensbereichen auf. Vor allem in der Schule, wenn die Kinder diszipliniert und still arbeiten sollen, oder bei den Hausaufgaben, werden sie auffällig. Aber auch unter Freunden und in der Familie kann sich eine Aufmerksamkeitsstörung sehr belastend auswirken. „Eine Therapie, die erfolgreich sein soll, muss alle Lebensbereiche des Kindes berücksichtigen“, sagt Dr. Reiner Hasmann, der leitende Arzt des Sozialpädiatrischen Zentrums. 
 

Vor rund vier Jahren hat er zum ersten Mal AD(H)S-Kinder in altershomogenen Kleingruppen zum intensiven Verhaltenstraining mit über 50 Therapieeinheiten Gruppenverhaltenstherapie pro Woche aufgenommen. Die  von ADHS oder ADS betroffen Kinder und ihre Familien litten sehr unter ihren Problemen. Als Anfang 2005 Peter Vuk aus dem Akutbereich der Kinderklinik auf die ADHS-Station wechselte, hat er unterstützt durch ein multiprofessionelles Team „Nägel mit Köpfen gemacht“, so Dr. Hasmann. Der Kinderkrankenpfleger hat die Station Struwwelpeter für die Therapie dieser Kinder maßgeblich mit aufgebaut und an der Koordination des Teams mitgewirkt. Das Zusammenwirken der unterschiedlichen Therapeuten sichert eine ganzheitliche Behandlung der Familien. Inzwischen ist die Nachfrage nach den Therapieplätzen so groß, dass die Kurse immer ausgebucht sind, denn es gibt wenig vergleichbare Therapieeinrichtungen mit ähnlich intensiver Gruppenverhaltenstherapie für AD(H)S-Kinder in Deutschland. „Dienstags werden die Kinder aufgenommen und bleiben zwei Wochen“, so Peter Vuk. In dieser Zeit durchlaufen sie eine intensive Schulungs- und Behandlungsphase. Vorausgegangen ist dann schon eine ambulante Vordiagnostik und -behandlung, und es schließen sich mehrere ambulante Nachtreffen an, bei denen das neu gelernte Verhalten gefestigt wird.  

Multimodale Verhaltenstherapie 

„Wir machen mit den Kindern eine multimodale Verhaltenstherapie“, sagt Dr. Karin Kockler, die leitende Oberärztin. Denn nur eine Kombination aus unterschiedlichen Therapien kann eine tiefgreifende Veränderung bewirken. Das Hausaufgabentraining ist deshalb nur ein Teil der Behandlung. Hier lernen sie das stille, selbstorganisierte Arbeiten und das ruhige, disziplinierte Mitarbeiten, so wie es auch in der Schule gefordert wird. Die Kinder erhalten das Handwerkszeug, einen für sie unübersichtlichen Berg an Aufgaben zu strukturieren und in kleine Portionen aufzuteilen. So gehört es beispielsweise dazu, an einem frei geräumten Tisch zu arbeiten, nur mit den Materialien wie Heft, Arbeitsblatt, Mäppchen, die gerade benötigt werden. „Diese langen Konzentrationsphasen fordern den Kindern viel ab. Es strengt sie an, sich zu kontrollieren“, beobachtet Dr. Kockler. Aber die Anstrengung lohnt sich. Wenn sie ihre Aufgaben schaffen, wenn sie sich an die Regeln halten, erhalten sie direkt Punkte zur Belohnung, für die sie sich später kleine Spielzeuge aussuchen dürfen. „Eine positive Verstärkung ist für diese Kinder ganz wichtig, sie lernen so das neue Verhalten wesentlich leichter“, weiß die Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychologie. In der Vergangenheit hätten viele ihrer Patienten erlebt, dass ihr Verhalten negativ bewertet und sanktioniert wurde. Positive Hinweise erhielten sie selten. 

Entspannungstechnik und soziales Kompetenztraining 

Um mit Spannungszuständen zurecht zu kommen, die sich gerade auch dann aufbauen, wenn die Kinder in Schule, Familie oder Freizeit Stress erleben, erlernen sie die Progressive Muskelentspannung nach Jacobson. Das ist ebenso Teil der multimodalen Therapie wie das soziale Kompetenztraining, bei dem die Kinder mit Hilfe von Rollenspielen Alltagssituationen nachstellen. Die Rollenspiele zum Beispiel zu Themen wie Teilnahme an einem Kindergeburtstag oder gemeinsames Spielen mit Freunden, werden mit einer Videokamera aufgezeichnet und anschließend zusammen angeschaut und ausgewertet. „Die Eigenwahrnehmung, sich selbst und das eigene Verhalten im Film zu sehen, hat einen therapeutischen Effekt“, ist Dr. Kocklers Erfahrung. Die Kinder überprüfen: Was habe ich gut gemacht, was will ich beim nächsten Mal anders machen? Sie erarbeiten miteinander Regeln, setzen sich eigene Ziele und formulieren für sich positive Mutmachsätze. 

Verhaltensmuster für das soziale Zusammenleben 

Aber auch die Alltagsroutine wie zum Beispiel Zähneputzen nach dem Essen, Händewaschen vor dem Essen, Aufräumen usw. werden eingeübt. „Die Kinder brauchen klare Strukturen, und dazu gehört auch, dass wir gemeinsam mit dem Essen beginnen und alle warten, bis jeder aufgegessen hat“, so Peter Vuk, der Abteilungsleiter der Station Struwwelpeter. Es geht hier um das Trainieren von Verhaltensmustern, die für das soziale Zusammenleben notwendig sind. Gerade das fällt vielen Kinder sehr schwer und führt auch zu Hause zu Konflikten. „Die Kinder suchen Grenzen und wir sind hier sehr konsequent. Das lernen sie schon in den ersten Tagen und kommen gut damit zurecht“, sagt Peter Vuk. Sie verändern sich in den zwei Wochen des stationären Aufenthaltes sehr stark. 
 

„Das bedeutet für die Eltern, dass auch sie sich ändern müssen“, so Dr. Hasmann. Deshalb werden sie auch eng in die Therapie ihrer Kinder mit eingebunden. Während der stationären Phase besuchen die Eltern ihre Kinder alle zwei Tage im Sozialpädiatrischen Zentrum und nehmen an einem Elterntraining teil. „Wir wollen die Eltern in ihrer Erziehungskompetenz stärken und ihnen helfen, sich auf das neue Verhalten der Kinder einzustellen“, sagt Dr. Hasmann. Zusätzlich gibt es eigene Eltern-Kind-Spielzeiten, bei denen Therapeuten anwesend sind und den Eltern ihre Beobachtungen mitteilen. Auch während der ambulanten Nachbetreuung finden für die Eltern wie für die Kinder Trainingsgruppen statt. Dafür nehmen sie zum Teil weite Anfahrten in Kauf. Denn die Kinder kommen zur Behandlung längst nicht mehr nur aus Neunkirchen und dem Umland. „Es gibt nur ganz wenige Therapieeinrichtungen wie das SPZ“, weiß Dr. Hasmann. „Der Bedarf ist aber sehr hoch.“ Und deshalb kommen Kinder auch aus benachbarten Bundesländern und sogar aus Luxemburg.  

Das Gelernte im Alltag anwenden 

Wenn die Kinder das SPZ nach zwei Wochen verlassen, sollen sie in der Lage sein, das, was sie gelernt haben, in ihrem Leben und Alltag fortzusetzen. „Es hilft nichts, wenn sich das Kind beim Therapeuten benimmt, aber zu Haus und in der Schule weiterhin deutliches ADHS-Problemverhalten zeigt“, so Hasmann. „Deshalb wird auf den Transfer, auf die Übertragung der neuen Verhaltensmuster im Alltag großen Wert gelegt.“ Und genau das ist auch Thema in der ambulanten Nachbetreuung. Hier berichten die Kinder, wie es ihnen gelingt, das neu Gelernte in der Schule, beim Spiel mit Freunden und in der Familie umzusetzen. Darüber hinaus haben sie die Gelegenheit, in der Gruppe das bisher Eingeübte weiter zu festigen. 

„In den zwei Wochen, in denen die Kinder stationär im SPZ sind, geben wir ihnen einen Werkzeugkasten an die Hand und zeigen ihnen, wie sie damit umgehen können. Anschließend, während der ambulanten Phase, bauen die Kinder ein Haus daraus“, mit diesem Bild beschreibt Dr. Hasmann wie er seine Arbeit mit den Kindern versteht. Und dass sie gute Werkzeuge mitbekommen, zeigen die zahlreichen positiven Rückmeldungen von Eltern, Lehrer und den Kindern selbst.

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