Es ist nicht mein Beruf, sondern meine Berufung. Und ich trage sie mit Stolz.

Auszug aus dem Tagebuch einer Krankenpflegeschülerin

https://www.youtube.com/watch?v=mL6dY6KRDxQ

Frühschicht. 4.00h. DerWecker geht. Resignierend haue ich neben mich, werfe dabei diverse Dinge vom Schrank. Der Nachbar ist wach. Ich nicht. Innerhalb weniger Minuten wird geduscht und gefrühstückt. Im Auto dann Musik: „I want to break free“. Queen und denke „I want to be back in bed“. Lieber etwas Metal, dann bin ich auch wach, denke ich, während ich fast auf die falsche Autobahn auffahre. Meine Motivation steigt mit jedem Song und ich denke an die Kinder, denen ich gestern versprochen habe heute auf jeden Fall Joghurt zum Frühstück zu bringen gefolgt von recht strafenden Blicken der Eltern. Ich lache und denke:

Das ist einer der vielen Gründe warum ich hier bin. Ich bin mehr als nur eine Pflegekraft, ich bin Zuhörer, Freund und Kumpel. Ich bin da, wenn es sonst keiner ist, ich bringe zum Lachen , aber bin auch da wenn meine Patienten weinen wollen. Ich bin Krankenpflegeschülerin und gleichzeitig so viel mehr. Es ist nicht mein Beruf , sondern meine Berufung.Und ich trage sie mit Stolz.

Umkleide. Ich schlüpfe in meinen Kasack. „Ganz weiß“, denke ich, und sehe mich schon 2 Stunden später wieder in der Umkleide, den mit Möhren beschmierten Kasack wechseln. Bei der Übergabe dann das Übliche. Der erste ruft völlig aufgelöst: „Es ist kein Kaffee gemacht“. Ja, ich habe gelernt, man braucht den Kaffee nicht, damit man überlebt, nein, man braucht ihn, damit die anderen überleben. Nachdem dann eins der wichtigsten Probleme des noch so frühen Morgens geklärt sind, gehts weiter.

Und wieder denke ich, noch ein Grund wieso ich gerne hier bin. Ich bin mehr als nur Pfleger, ich bin ein Kollege, ich bin Teil eines Teams, in dem alle dieselben Absichten und Ansichten haben. Wir sind mehr als ein Team, es ist eine kleine Familie, mit ganz vielen Patienten und dem selben Ziel. Ich bin mehr als nur ein Pfleger, ich bin Teil von etwas, dass mehr als Gutes verrichtet. Ich mag meine Familie hier , obwohl wir unterschiedlicher nicht sein könnten. Es ist nicht mein Beruf, sondern meine Berufung. Und ich trage sie mit Stolz.

Ich stehe also auf, um meinen Aufgaben nachzugehen. Aber erst Händedesinfektion. Ich nehme zwei Hübe, reibe sie genüßlich in meinen Händen, mir steigen Tränen in die Augen, Desinfektionsmittel findet auch die kleinsten Wunden an der Hand. Ich fülle also alle Schränke auf, halte meinen Morgenplausch mit der Putzfrau und geh ins Lager. Auf der Mission Feuchttücher zu suchen. Ich knie mich, schaue die unteren Regale durch. Dann von draußen ein lautes Nießen. Lautstärke: startender Airbus. Ich kippe nach vorne, hänge mit dem Kopf im Regal. Positiver Nebeneffekt: Ich hab die Feuchttücher gefunden. Schnappe mir ein Päckchen und bringe sie der Mama auf 01. Der Kleine ist wach. Grinst mich an und übergibt sich. Ich denke mir: so subtil hat mir auch noch niemand gesagt, dass ich elend aussehe. Die Mama entschuldigt sich und meint: Na, er hat grad erst gegessen. Ich entgegne, na nicht schlimm. Ich helfe ihr, den Kleinen frisch zu machen und ernte dafür unzählige Lacher. Mein Tag ist gerettet. Mit einem guten Gefühl gehe ich aus dem Zimmer und denke mir:

Deshalb bist du hier, weil ich mehr als nur ein Pfleger bin. Ich bin Clown und Seelsorger, ich bin Motivator und rechte Hand. Ich bin glücklich, wenn es meine Patienten sind. Ich verschenke mein Lachen und mache den Tag leichter. Ich bin da, wenn kein anderer es ist. Bin Zuhörer und so viel mehr als nur eine Pflegekraft. Es ist nicht mein Beruf, sondern meine Berufung. Und ich trage sie mit Stolz.

Visite. Die Ärzte kommen. Ich setze mich und möchte dokumentieren. Akte auf, Kulli suchen, Kulli finden, dokumentieren, Kulli verlieren, Kulli suchen,Kulli finden, dokumentieren ... ihr könnte euch denken wie das weiter geht. Nach vier Akten besitze ich 5 Kullis mehr und gehe mit dem Wissen in die Pause, mir danach wieder einen Kulli suchen zu müssen. 9.00 Uhr, ich denke: Toll, heute Waffeln in der Cafeteria. Bestimmt flitze ich um die Ecke und höre auf einem Ohr ein lautes „Hui“ und postwendend rennt mir der 4-Jährige aus 48 in die Arme. Gekonnt fange ich den jungen Mann.Die Mutter hintendran her, bremst, grinst , schnappt nach Luft. Ich höre ein leises endlich. Der Große allerding brüllt mir „Nochmal“ ins Gesicht. Ich lache ,erzähle ihm, dass ich jetzt Waffeln essen gehe. Lasse ihn runter gehe ein Stück. Von Hinten greift mich eine kleine Hand mit den Worten. „Waffeln esse ich am liebsten“. Denke, ich habe einen neuen Freund. Ich gehe glücklich in meine Pause.

Auch das ist mein Beruf und auch das bin ich. Mehr als nur Pflegekraft, mehr als nur ich. Ich bin Gute-Laune Verbreiter, Ansprechpartner, Lehrer und Wegweiser. Ich bin glücklich und ich bin mit Herz dabei. Ich bin motiviert durch all die Dinge, die meinen Beruf so unglaublich einzigartig machen. Es ist nicht mein Beruf, sondern meine Berufung. Und ich trage sie mit Stolz.

Komme aus der Pause und der Aufzug geht nicht. Dann eben in den 8. Stock laufen. Oben angekommen fragt mich ein Arzt, ob er mir vielleicht eine Inhalation fertig machen soll. Es ist ihm nicht zu verdenken. Ich höre mich an wie eine alte kaputte Dampflok. Ich würde ihm gerne entgegnen, dass ich nichts brauche. Aber auch dafür fehlt mir die Luft. Nachdem ich dann wieder Luft habe, kann ich mich dem Richten der Inhalation für meinen Patienten widmen. Ich stelle das Salbutamol raus, suche meinen Kulli, finde meinen Kulli, beschrifte. Ich öffne also die Packung und freue mich etwa 10 Minuten zu lange darüber, dass ich sie nicht auf der Seite geöffnet habe, auf der der Beipackzettel ist. Ich entfalte das kleine Monster von Beipackzettel, lese und halte mir einen 5-minütigen Kampf mit ihm, um ihn wieder zusammenzufalten. Die Schwestern schauen mich seltsam an, eine hält mir 10 Punkte hoch für die Haltung und Kampfstil, eine andere holt bereits das Unfalbuch raus und die Kamera. Ich entschließe mich den Beipackzettel mit zu nehmen und zu Hause dann zu verbrennen. Vergeltung, ihr kennt das. Und immer wieder denke ich:

Ich bin so viel mehr als nur Pflegekraft. Ich bin Lexikon, Organisator,Vorleser und Philosoph. Ich bin hier und da und überall. Ich habe 5 Arme und bin mehr als nur Pfleger. Ich bin meine Taten. Ich bin meine Berufung. Denn es ist mehr als nur ein Beruf , es ist meine Berufung. Und ich trage sie mit Stolz.

Ein Anruf. Der kleine aus 01 kann hoch. Ich denke, oh super, mein kleiner Freund. Ich gehe mit, schnappe mir seine Lieblingskuscheldecke und den Schnuller. Ich erzähle ihm, dass ich bei ihm bin, er grinst mich an. Mit 4 Monaten kann man auch noch nicht viel mehr dazu sagen. Oben werde ich kurzerhand umfunktioniert zum Fütterer, Entertainer, Ablenker, Assistent. Zum Glück läuft alles glatt und ich kann mir den Kleinen schnappen und wieder zur Mama bringen. Er grinst mich immer wieder an und fängt dann an in einwandfreier Baby Marnier der Mama zu erzählen, was gerade oben passiert ist. Die OP kommt hoch, gebrochener Arm, beim Fußball gefallen, fertig operiert. Ich denke mir, mhm, hört sich nach mir an. „Jana, kümmerst du dich bitte über die Überwachung“. Ich nicke, schnappe mir mein Zeug, ab ins Zimmer. Kein Kulli dabei, denke ich, naja 4 zahlen merken schaffe ich auch so, messe, gehe raus, such nen Kulli, gehe wieder rein, messe erneut. Ihr wisst, was die drei Worte sind, die jede Frau hören will, genau: „Ich liebe dich“. Nicht so bei Krankenschwestern, bei uns sind das drei andere magische Worte: Wach, orientiert, selbstständig. Ich setze mich einen Moment: Ein Gedanke schießt ein, ich grinse und denke:

Achja, so viel mehr als nur ein einfacher Pfleger. Ich bin ein Wegbegleiter, ein Händchenhalter, ein Aufmunterer und Kopf-hoch-Sager, ein Hoffnungsträger. Ich bin Stylist und Optimist. Wir haben ein gemeinsames Ziel und es ist mir egal wo du herkommst. Gemeinsam heißt gemeinsam. Das ist, was mich antreibt, da zu sein und was mich motiviert. Denn wie schon so oft erwähnt: Es ist nicht mein Beruf, sondern meine Berufung. Und ich trage sie mit Stolz.

Fast Feierabend, denke ich und freue mich gleichzeitig wieder auf Morgen. Die Übergabe läuft und ich werde aufgefordert auch etwas zu sagen. Schließlich habe ich die Kleine mit dem gebrochenen Arm betreut. Ich bin stolz wie Bolle und gebe mein Bestes. Mehr als glücklich schnappe ich meinen Rucksack, gehe Richtung Umkleide. Auf den Flur werde ich aufgehalten, von der Mutter aus 01. „Vielen Dank, für die tolle Betreuung, sie machen das wirklich super.“ Ich grinse, entgegne: „Das ist mein Job“. Ich lache und werde das Lachen auch heute wohl nicht mehr aus dem Gesicht bekommen. In der Umkleide ziehe ich mein Kasack aus und ich höre es poltern, etwa 6 Stifte kommen mir aus der Brusttasche gefallen. Ich lache und denke, morgen geh ich euch eh wieder suchen. Der letze Gedanke an diesem Arbeitstag, könnte anders nicht sein:

Denn ich bin ein Dolmetscher und Anleiter, ein Trainer und Lehrer. Ich bin Zudecker und Wachmacher. Ich bin Frühstücksbrot-Schmierer, Joghurt und Eis Lieferant und der, der dich auf dem Weg bei uns begleitet. Ich bin nicht nur ein einfacher Pfleger. Ich bin so vieles mehr. Und wenn die Menschen, dass endlich begreifen, werden wir vielleicht nicht mehr ganz so komisch angeguckt, wenn wir auf Partys erzählen, dass wir Pfleger sind. Denn all das ist meine Motivation, all das ist, was meinen Optimismus nährt. Hier schöpfe ich meine Kraft und meinen Mut. All das, ist mehr als mein Beruf. Es ist meine Aufgabe, es ist mein Ziel, es gibt meinem Beruf einen Sinn und ihm die Erlaubnis sich Berufung zu nennen.

  

Jana Binz, in Ausbildung zur Kinderkrankenpflegerin an der Verbundschule für Gesundheits- und Pflegeberufe der Marienhaus Kliniken GmbH im Saarland